• Zwischen Freude und Verzweiflung

    Autor:  • 22.12.2016 • Editorial

    Fuxi, EditorialKommt es nur mir so vor, oder waren das verflixt lange dreieinhalb Monate? Vielleicht werde ich auch nur (zu) alt, wer weiß? Weihnachten steht vor der Tür, und in ungefähr achteinhalb Wochen geht es pflichtspielmäßig weiter, wenn das Wetter es zulässt. Kurzum: Es ist mal wieder Zeit für ein kleines Resümee. Oder was ich so gemeinhin für „klein“ halte. Es gibt so viele Dinge, die von innen an die Schädeldecke klopfen und in die Freiheit zu entlassen fordern. Dabei schwanke ich zwischen Freude, Verzweiflung und Ärger.

    Ich fange mal mit dem an, was mir den Blutdruck steigen lässt, dann bleibt zum Ende dieses Editorials hoffentlich ein positiver Dreh als Start in die Feiertage…

    Aus aktuellem Anlass beginne ich mit dem Nichtantreten, vor allem im Pokal. Ich sollte mich darüber nicht so ärgern, aber ich tue es, und mein letztes Editorial zum Thema hat das kaum mildern können. Kürzlich im Pokal-Achtelfinale schon wieder zwei. Wenn das so weitergeht, fällt nachher noch das Pokalfinale wegen Nichtantretens aus. Ich meine, warum … ? Wer …? Was treibt … ? Wieso … ? Ach, verdammt … Ich könnte … ! #!@?!&$!

    Naja. Es sind ja nur 16 von 66 Spielen, also nur rund jedes vierte Spiel. Was soll ich mich darüber ärgern, es ist ja nicht so, als ginge es dabei um irgendwas. Ist es eben zu viel der Annahme, dass sportlicher Wettkampf Grund genug wäre. Und warum sollte das anders sein als im Ligabetrieb, wo es fünf Rückzieher und insgesamt 23 3:0-Wertungen am Grünen Tisch gab. Da haben die Hamburgerinnen wohl einfach weniger Biss als ihre Pendants aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein…

    Okay, eine Liga muss ich da definitiv rausnehmen: Die Verbandsliga, wo es zwölf anständige Teams schaffen, nur die Spiele ausfallen zu lassen, denen die Witterung im Weg ist, und wo alle mit ihrer Hinrunde durchgekommen sind. Mein Lieblingskind der letzten Jahre, die Landesliga, schwächelt in diesem Punkt nach dem Nichtantreten des Harburger SC gegen den SC Sternschanze und den zweimaligen Spielabsagen bei Duwos Zweiter, die immerhin noch eins gegen Germania Schnelsen am Sonntag nachholte. Sonst hatte die fast immer eine makellose Bilanz, wenn es in die Pause ging. Aber, naja, da sind halt auch nur noch fünf Mannschaften aus der Vorsaison dabei…

    Jasmin Kröger (TuS Berne) gegen Annika Sommerfeld (Germania Schnelsen)

    Jasmin Kröger (TuS Berne) gegen Annika Sommerfeld (Germania Schnelsen)

    Die Landesliga ist eh komisch. Auf der einen Seite gibt es Mannschaften, die sie weder nach oben noch nach unten verlassen, selbst wenn sie sich größte Mühe geben… Für den SC Sternschanze ist es die sechste Saison in Liga fünf, für Komet Blankenese die fünfte, für den HSV II. die vierte, und der SC Alstertal-Langenhorn hat sogar rundes Jubiläum: Sie sind in ihrer zehnten Spielzeit. Auf der anderen Seite ist die Landesliga auch gern eine Durchgangsstation. Beispielsweise marschierte der Bramfelder SV als Tabellenzweiter 2009/10 durch von der Bezirksliga in die Verbandsliga und nur ein Jahr später sogar erstmals in die Regionalliga Nord. St. Pauli (2011-13) und Duwo (2005-2007) kamen immerhin in zwei Schritten durch, mussten erstmal Anlauf nehmen. Steinig war der Weg des TuS Appen: 2006/07 in der Bezirksliga angekommen, kletterten sie wieder in die Verbandsliga 2008/09, nur um 2011/12 wieder in die Bezirksliga zu plumpsen. Tja, 2013/14 drehte die Sinuskurve dann wieder in die andere Richtung, mit zwei Jahren Aufenthalt. Jüngst sind HEBC, BU und Vicky gleich als Trio durch die fünfte Liga gerauscht, als wäre sie eine Autobahn, und dem Beispiel des ESV Einigkeit aus den Jahren 2011 bis 2013 gefolgt. Und von Welle aus den Jahren 2009 bis 2011. Und von Walddörfer 2013 bis 2015. Und vom ETV von 2012 bis 2014. Und vom Harburger SC (2010 bis 2012).

    Kurzum: Die Landesliga wird offensichtlich recht ambivalent wahrgenommen: Die einen sind kaum drin, dass sie auch so schnell wie möglich wieder raus wollen. Die anderen fühlen sich so pudelwohl, dass sie weder rauf noch runter gehen. Könnte man das doch bloß auch von der 2. Bundesliga sagen… ach je. Es ist zum Mäusemelken. Und man kann ja noch nicht mal sagen, dass sich HU und Bramfeld gegenseitig die Spielerinnen wegnehmen. Überhaupt Bramfeld – mit 61 Punkten aufgestiegen, drei Punkte mehr als Henstedt-Ulzburg in der Vorsaison. Und jetzt – 11 Spiele, kein Punkt. So eine Pleitenserie gab es für die Bramfelderinnen zuletzt in der Rückserie 2012/13 in der Regionalliga, als sie am 2. Dezember 2012 den letzten Punkt holten und alle elf Spiele der Rückrunde verloren. Immerhin: Zweistellig wie damals in Wolfsburg wurde es bislang jedenfalls nicht. Wenn man sich so umhört, auch unter denen, die deutlich näher dran sind, hört man immer wieder vor allem ein Problem: Die Kaderqualität. Es hapert in allen Mannschaftsteilen. Ob die eine Abwehrspielerin zu langsam ist, eine andere erst umlernen musste, zu wenig Impulse aus dem Mittelfeld kommen, vorn eine Maria Albrecht fehlt und durch die eine oder andere Spielerin nicht halbwegs adäquat zu ersetzen sei, überhaupt zu viele im Kader stehen, denen die zweite Liga eine Nummer zu hoch ist oder die zu jung sind oder … Ich habe zwei Spiele gesehen, gegen Union Berlin und gegen den SV Henstedt-Ulzburg, und leider kann ich jedes Argument nachvollziehen, obwohl sie eben auch gegen Cloppenburg drei Tore geschossen haben und Meppen fast ein Remis abgerungen hätten. Aber sie haben eben die meisten Spiele deutlich verloren, auch gegen direkte Konkurrenten wie eben Eisern Union (0:3), in Herford (1:4), in Potsdam (2:5) und jetzt bei HU (0:7). Realistisch betrachtet braucht man für den Relegationsplatz zwischen 15 und 18 Punkten. Das sind fünf bis sechs Siege aus elf Spielen. Auf eine ganze Saison gerechnet reden wir über die Leistung einer Mittelfeldmannschaft. Und da kann man noch von Glück reden, denn der USV Jena II. ist 2014 mit 22 Punkten abgestiegen, während Hohen Neuendorf mit 25 Punkten in die Relegation musste – und nach den beiden Spielen gegen den ETSV Würzburg wegen eines Gegentors in der Nachspielzeit des Rückspiels ebenfalls abstieg.

    Schon in Ahrensburg wusste der Bramfelder SV nicht zu überzeugen.

    Schon in Ahrensburg wusste der Bramfelder SV nicht zu überzeugen.

    Ein ähnliches Problem hat ja auch der SV Henstedt-Ulzburg, der trotz der schnellen Rückkehr von Alina Witt unter seinen Möglichkeiten blieb. Auch wenn es nach dem Pflichtsieg gegen Bramfeld ein wenig freundlicher aussieht – mit 9 Punkten sind sie alles andere als sicher, zumal die Plätze zehn und elf die gleiche Punktzahl haben. Im Vergleich zur Hinrunde der Vorsaison fehlt der Überraschungssieg in Wolfsburg in der Bilanz; den müssen sie im Nachholspiel in Potsdam holen, um die Bilanz glattzuziehen – oder gilt das 5:1 am ersten Spieltag in Hohen Neuendorf schon als der Quotendreier dieser Kategorie? Chiara Pawelec macht als Ersatz für Malin Hegeler ihre Sache ausgezeichnet, dafür ist hinten links die nach Aachen gewechselte Elaine Schmitt mit ihrer Dynamik schwer zu ersetzen. Auch die lange verletzte Sarah Stöckmann fehlte ausgerechnet im defensiven Mittelfeld, wo ihr Positionswechsel auf dem Flügel schon ein Loch gerissen hatte, das ebenfalls kaum zu schließen ist. Ich will hier kein Bashing betreiben – der SVHU musste, wie Bramfeld auch, mit den Möglichkeiten arbeiten, die sie hatten, und vielfach blieb da nur der Rückgriff auf Nachwuchs, der ins eiskalte Wasser geschmissen wurde. Insofern sind Niederlagen wie in Herford (0:1) oder gegen Gütersloh (4:6) insgesamt verständlich – aber auch unfassbar schmerzhaft.

    So gesehen ist natürlich meine größte Sorge, dass neben Bramfeld – bei denen gehe ich realistischerweise davon aus – auch der SV Henstedt-Ulzburg absteigt. Nicht dass für einen von beiden die eingleisige zweite Liga ab 2018/19 eine wirklichkeitsnahe Perspektive wäre. Im Gegenteil – selbst wenn sich eine von beiden Mannschaften in der Regionalliga durchsetzen und sportlich qualifizieren würde, wären da deutlich gestiegene Kosten, denn Fahrten nach Wetzlar, Sindelfingen, Crailsheim oder Hoffenheim sind mit einer Tagesreise nicht zu machen; selbst wenn sie nur mit 15 Spielerinnen plus zwei Trainern und einem Betreuer anreisen und sich Vera Homp mit dem Papa das Zimmer teilt, dürften auch mit Rabatt zwischen 500 und 700 Euro Übernachtungskosten für ein Hotel anfallen – zuzüglich zwei Tage Bus- und/oder Zugreise, und das alles für die Mehrzahl der 13 Auswärtsspiele. Ich habe vor Jahren mal hinsichtlich der Busfahren in der Regionalliga beim HSV mal was von der Größenordnung 4.500 Euro für eine ganze Saison gehört, mit Eigenanfahrten rund um Hamburg und der weitesten Fahrt nach Osnabrück. Im Paket also dürfte ein eingleisiger Zweitligist wohl mit wenigstens 30.000 Euro Reisekosten rechnen. Nimmt man alle Kosten zusammen, einschließlich dem Zeitaufwand entsprechenden Entschädigungen – für 26 Spiele bundesweit muss man Spielerinnen mehr bieten als nur nette Worte -, bewegen wir uns in einem Bereich für einen Saisonetat, den man vor 15 Jahren für Erstligafußball brauchte. Zu Zeiten, als beim HSV mal von 180.000 Euro die Rede war. Eine Größenordnung, die auch Kenner der Szene realistisch halten. Dafür kämen meiner Meinung nach nur zwei Vereine infrage: Der FC St. Pauli und der HSV, querfinanziert aus dem Profifußball-Etat. Nur: In welchem Stadion sollte Pauli da spielen? Die Feldstraße ist nicht geeignet, das Millerntor zu groß und teuer hinsichtlich der Betriebskosten. Und wie wahrscheinlich ist es andererseits, dass Bernd Hoffmann und Katja Kraus nochmal den Vorstand der HSV-Fußball AG besetzen, der gerade mit Heribert Bruchhagen den nächsten Versuch startet, sowas wie Erfolg einkehren zu lassen?

    Szene aus dem Bundesligaspiel HSV gegen FC Bayern vom 7. Dezember 2003

    Szene aus dem Bundesligaspiel HSV gegen FC Bayern vom 7. Dezember 2003

    Das heißt jetzt nicht, dass es diese Saison schon egal wäre, ob Bramfeld und HU absteigen. Das Gegenteil ist der Fall. Sie sollen es genießen, solange es geht, möglichst auch noch nächste Saison. Immerhin hätte ein Doppelabstieg nicht mehr die gleichen Konsequenzen – seit dem Rückzug des FC Bergedorf 85 haben wir die ohnehin, wenn man mal davon ausgeht, dass auch die punktlosen Ohlstedterinnen von Duwo 08 absteigen werden: Aus der Verbandsliga werden die letzten drei Mannschaften absteigen, wenn der Hamburger Meister den Aufstieg in der Relegationsrunde verpassen sollte. Gleiches gilt für die Landesliga, in der die Relegation gespielt werden muss, für den Fall, dass der Hamburger Meister aufsteigt. Falls das nicht gelingt, steigen die letzten drei direkt ab, die Relegation wäre hinfällig, und aus den Bezirksligen kämen nur die Meister hoch. Und vorsichtshalber müssen die Tabellenelften der beiden Staffeln eine womöglich sinnlose Relegation spielen, falls der Hamburger Meister nicht aufsteigt, denn dann steigen sie ebenfalls beide direkt ab. Derartige Entscheidungsspiele ohne Wert könnte nur ein Umstand sicher verhindern: Wenn Duwo eine Sensationsrückrunde hinlegt, acht Punkte Rückstand aufholt und die Klasse hält, und das klappt realistischerweise nur dann, wenn der SVHU in der 2. Bundesliga bleibt, denn sonst sind es sogar zehn Punkte Rückstand für die Ohlstedterinnen.

    Na super. Sollte die WM 2011 nicht dabei helfen, den Leuten den Frauenfußball längerfristig näher zu bringen? Sollte der Frauenfußball nicht „erhebliches Potenzial“ im Sponsoring haben? Kommt irgendwie nicht so an. Jedenfalls nicht im Norden, und woanders auch nicht, wenn man sich ansieht, wie schnell Sternschnüppchen wie die Hertha-Frauen a. k. a. 1.FC Lübars und VfL Bochum verglüht sind. Der Metropolregion Hamburg kann man seit 2011 jedenfalls eine handfeste Frauenfußball-Rezession bescheinigen, und der Boden ist noch nicht in Sicht. Da fällt es nicht ganz leicht, nicht selbst die Lust zu verlieren. Andererseits: Ich bin auch keine aus Hamburg stammende, Fußball spielende Frau…

    Okay, der war fies. Einer für die Chauvi-Kasse. Gibt es denn nicht wenigstens was, worüber man sich freuen kann? Ja, eines: Das Scheißjahr 2016 ist bald zuende. Wenigstens etwas.

    Nein, ganz so ist es ja auch nicht. Es gibt schon Dinge, über die ich mich freuen kann. Beispielsweise über den FC St. Pauli und sein Abschneiden in der Regionalliga. So stark hätte sie wohl niemand erwartet, auch wenn man wohl sagen kann, dass sie bisher in der „Feldstraßenlotterie“ meist Glück hatten. Mit 5 Siegen und einer Niederlage aus sieben Spielen sind sie nach Punkten sogar die heimstärkste Mannschaft der Liga. Wenn man mal außer Acht lässt, dass die Enge des Feldes kaum einen organisierten Spielaufbau zulässt und praktisch jeder – sogar Duwo, höhö – deutliche Siegchancen hat, wie der ATS Buntentor beim 2:2 bewies, als er einen seiner nur neun Punkte im Schatten des Bunkers holte. Aber dass Pauli sogar am Zweitligaaufstieg schnuppern würde, sofern Werder II. nicht aufsteigen dürfte, hätte wohl niemand vor der Saison für möglich gehalten. Nur zu schade, dass Trainer Kai Czarnowski zum Saisonende aufhört. Ich bin gespannt, was unter seinem Nachfolger 2017/18 passieren wird. Mit dem ETV ging es in der Verbandsliga ja bergab, als Flemming Nielsen den Verein verließ, der von Frauen anscheinend so die Nase voll hatte, dass er jetzt die Verbandsligaherren beim VfL Tremsbüttel trainiert…

    Natürlich freut mich auch das Abschneiden des SVHU II. in der Schleswig-Holstein-Liga. Vor allem freut mich das Ansteuern der Regionalliga. Zwar werden die „Alten“ – Grunwald, Grelck, Tiarks – irgendwann mal aufhören, und viellicht wäre schon die dritte Liga nächste Saison zu viel Aufwand, aber strategisch wäre ein Platz in der dritten Spielklasse als Unterbau für die erste Mannschaft enorm wichtig, vor allem hinsichtlich der Durchlässigkeit von oben nach unten und von unten nach oben. Ganz zu schweigen vom SSC Hagen Ahrensburg, der ja nun sehr schwierige Voraussetzungen hatte: Punktabzug, neuer Trainer, neues System gegen die eigenen Vorlieben, namhafte Abgänge und Ausfälle, keine namhaften Neuzugänge… Umso schöner, dass sie sogar schon wieder Platz drei im Blick und die Abstiegszone deutlich distanziert haben. Das sah mal anders aus. Und seit Anfang Dezember ist auch endlich der sanierte Kunstrasen freigegeben, nachdem die Stadt gesundheitlich unbedenkliches Granulat für 10.000 Euro nachbestellt hat. Den Technikerinnen wird ein ordentliches Geläuf zum Vorteil werden. Hach.

    Freude bereitet mir auch das Spitzentrio in der Verbandsliga, allen voran die junge Truppe bei Walddörfer. (Wenn nur die Verantwortlichen mal in ihrer Coachingzone blieben und mir allein damit die Sichtlinie zum Fotografieren freihielten – grrr…) Körperlich – athletisch – müssen sie zulegen, wenn sie aufsteigen und in der Regionalliga bestehen wollen. Sie werden nicht alles spielerisch mit Tempofußball lösen können, und das ist ihnen in Volksdorf auch bewusst. Wobei sie noch lange nicht durch sind. Auch Welle hat eine für Verbandsligaverhältnisse brutale Qualität. Aber wollen sie auch aufsteigen? Könnten sie das überhaupt, zeitlich und finanziell? Was ist mit Union Tornesch? All das sind spannende Fragen für die zweite Saisonhälfte. Darauf freue ich mich.

    In erster Linie freue ich mich jetzt aber erstmal auf ein paar freie Tage und etwas Ruhe. (Gähn!)
    Ich wünsche Euch allen schöne, besinnliche Weihnachten (und denen, die es nicht feiern, einfach einen schönen Feiertag am Montag) und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Möge es besser werden als das alte.

    Herzlichst,
    Euer Fuxi

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