• Zeit für Dankbarkeit

    Autor:  • 12.07.2016 • Editorial

    Fuxi, EditorialEs ist Zeit, dankbar zu sein. Es ist sogar höchste Zeit, danke zu sagen.

    Nein, nicht mir gegenüber. Ich mache das ja gern, habe wenigstens mal was Sinnvolles zu tun und komme an die frische Luft. Immer nur Daddelkonsole und Computer ist ja auch nix, ne?

    Ich möchte mich aber bei dieser Gelegenheit allen auf dem Platz und allen neben dem Platz bedanken. Ohne Eure Kooperationsbereitschaft wäre dieses Projekt nicht möglich. Vielen Dank!

    Nein, die Dankbarkeit, die ich meine, sollten wir den lieben Verbandsfunktionären entgegenbringen. Auch ohne sie wären die Hamburger Frauenfußball-News nicht möglich. Ganz einfach deshalb, weil es sonst überhaupt keinen Frauenfußball gäbe. Sicher, der Frauenfußball machte seine ersten Gehversuche bereits beim British Ladies Football Club, den Nettie Honeyball (dass sich dieser Name als Bezeichnung für Frauenfußball nicht durchgesetzt hat – Fußballgott sei dank!) 1895 aus der Taufe hob. Doch bis in die späten 1960er Jahre hinein wurde er bitter bekämpft. Von Verbandsfunktionären wie Peco Bouwens, der beim DFB-Verbandstag 1955, als Frauenfußball im DFB verboten wurde, Verbandspräsident war und 1922 das legendäre Spiel geleitet hatte, das dem HSV den Verzicht auf die erste Deutsche Meisterschaft einbrachte. Von Bouwens ist das Zitat überliefert: „Fußball ist kein Frauensport. Wir werden uns mit dieser Angelegenheit nie ernsthaft beschäftigen.“

    Eigentlich hätten sich die grauen Eminenzen allerdings denken können, dass die Frauen das nicht ohne Widerstand hinnehmen würden. Auch in den 50er Jahren schon. Was muss das damals für eine Niederlage gewesen sein, als 1957 zu einem Spiel der Auswahl des Westdeutschen Damenfußballverbandes gegen eine holländische Auswahl 18.000 Zuschauer ins Stadion nach Essen kamen? Oder als ausgerechnet der Klassenfeind aus der DDR zwei Jahre vor dem DFB mit der Aufhebung des Verbotes vorpreschte, die in Frankfurt/Main erst 1970 erfolgte? Naja, zumindest als Verbot. Wie das Bild der Frauen an der Otto-Fleck-Scheis- ach nee, die heißt ja Otto-Fleck-Schneise… also, wie das Bild an der Otto-Fleck-Schneise aussah, mag man sich am Umstand verdeutlichen, dass die Frauen erst seit 1993 als Erwachsene behandelt werden – und zwei Mal 45 Minuten spielen. Die zweigleisige Frauen-Bundesliga wurde 1990 eingeführt. Wer rechnen kann, wird merken: Die Bundesliga spielte drei Jahren mit zwei Mal 40 Minuten…

    Zum Glück hat sich seither viel getan, nicht nur beim DFB, auch in Hamburg. Zum Beispiel war 1993 das letzte Mal, dass die EM von einem anderen Team als Deutschland gewonnen wurde. 1995, 1997, 2001, 2005, 2009, 2013 – immer gewann die DFB-Auswahl. Wer erinnert sich nicht an die WM-Titel? 2003 und 2007 (und den vierten Platz 2015 *hust*). Der HSV spielte lange… achwas. Mit dem Bramfelder SV qualifizierte sich erstmals seit 2012 wieder eine Mannschaft aus Hamburg für eine der Bundesligen. Obendrein gibt es einen weiteren Anrainer in Liga zwei, drei Hamburger und einen Anrainer in der Regionalliga, und für die neue Saison haben im HFV wieder 76 Mannschaften für den Leistungsfußballbereich gemeldet, trotz des massenhaften Exitus der etablierten Teams im vergangenen Spieljahr.

    Wir sollten also dankbar sein. Ganz besonders bedanken aber sollten sich die Frauen. Bei den Männern im Verband. Dass sie überhaupt Fußball spielen dürfen. Offenbar brauchen die alten Herren in Jenfeld, ganz besonders die schwarz-gelben Herren (Feierabend-)Politiker Fischer und Jarchow im Vorstand, den Dank der vielen Hamburger Frauen, dass die Woche für Woche die Sportplätze belegen dürfen, um dort der Fußlümmelei nachzugehen – obwohl diese „Kampfsportart der Natur des Weibes im Wesentlichen fremd ist“. Nicht zuletzt wissen wir ja: „Das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand“. Nicht, dass „Körper und Seele unweigerlich Schaden“ erleiden und die „Gebärfährigkeit beeinträchtigt“ wird. (Hey, das sage nicht ich! Das war 1955 die offizielle DFB-Begründung!)

    Denn wenn die Frauen, die diesem Sport nachgehen, obwohl sie es ja eigentlich gar nicht sollten, nicht oft genug ihren Dank ausdrücken für die Großzügigkeit der Schlipsträger, rutschen sie vielleicht in der Wertschätzung noch weiter ab. Immerhin sind mit der Änderung der Durchführungsbestimmungen für die Saison 2016/17 ja nun sämtliche Männermannschaften wichtiger als die Frauen. Und sogar die Jungs, die, wenn sie mal gegen Frauen spielen, wegen Hormonüberschuss verstohlen auf die Oberweiten ihrer Gegnerinnen schielen, sind wichtiger als die Frauen. Das hat der HFV entschieden, zu dieser Saison. Wenn also mal wieder Scheißwetter ist und nicht alle Spiele ausgetragen werden können, haben inzwischen die Ober- und Landesligen der A- und B-Junioren sowie die Kreisklasse B der Herren – also die Freizeitkicker, die mit durchschnittlich 1,0 Promille auflaufen und eine Stunde nach Spielschluss auf 2,0 Promille nachgetankt haben – Vorrang vor der zweithöchsten Hamburger Spielklasse im Frauenbereich und den beiden Spielklassen darunter. Immerhin: Die Landesliga-Frauen sind noch wichtiger als die aufstiegsberechtigten Jungen-Bezirksligen und die Verbandsligen bei den B- und C-Mädchen. Obwohl: Seien wir uns da nicht zu sicher. Nicht dass dem HSV-Frauen-Bundesliga-Abschaffer Carl Edgar Jarchow das noch auffällt, dass es noch Jungs gibt, die als unwichtiger erachtet werden als Frauen. Die Verbandsliga ist dem HFV ja auch noch durchgerutscht (wenigstens noch vor den Kreisliga-Herren, was bedeutet, dass die FVL die wichtigste Spielklasse in Hamburg ist, in der es für die SpielerInnen kein Geld zu verdienen gibt!).

    Also, liebe Fußlümmlerinnen: Sagt mal wieder danke, wenn Ihr das nächste Mal in der HFV-Zentrale in der Jenfelder Allee seid. Ihr dürft ja wenigstens Fußball spielen. Sogar als Erwachsene!

    Naja, noch jedenfalls.

    Herzlichst,
    Euer Fuxi

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