• Streit um die Saisonverlängerung

    Autor:  • 02.05.2013 • Hamburg, Kommentar

    Verbandssachen HFVEx-Profi Johann Stenzel hat sicher in seiner Karriere schwierigere Situationen bewältigen müssen. Der Abstieg mit Arminia Bielefeld aus der 1. Bundesliga in der Saison 1997/98 zum Beispiel oder auch die Aufstiegsspiele zur Regionalliga Nord mit dem Lüneburger SK gegen Kickers Emden im Jahr 2000. Vielleicht waren es auch die Zweikämpfe mit den Nationalspielern Paulo Rink und Ulf Kirsten beim 0:5 der FC St. Pauli-Amateure im DFB-Pokal 1998. Doch seinen Einstieg als Geschäftsstellenmitarbeiter für den Ausschuss Frauen- und Mädchenfußball (AFM) im HFV als Nachfolger von Nadine Queisler hätte er sich womöglich leichter vorgestellt. Schließlich ist er die erste Anlaufstelle für Proteste gegen ein Mitte April vom Verband herausgegebenes Dokument: Die Saisonverlängerung.

    Offiziell unterschrieben ist die Mitteilung von Hannelore Ratzeburg, der Vorsitzenden des Ausschusses. Als Reaktion auf den langen Winter wurde beschlossen, von der Landesliga an abwärts ausgefallene Spiele am letzten Mai- sowie den ersten beiden Juni-Wochenenden anzusetzen. Begründet wird die Maßnahme mit drei Aspekten: Der Entzerrung der Englischen Wochen, der Überbelegung der Sportstätten und der Verlängerungswünsche diverser Vereine. Für die Verbandsliga war eine Verlängerung wegen der Aufstiegsrunden-Termine für die Regionalliga Nord nicht möglich, die auch an den Wochenenden stattfinden, auf die der HFV nun verlängert hat (26.5. Duwo 08 – SV Henstedt-Ulzburg, 2.6. ATS Buntentor – Duwo 08, 9.6. SV Henstedt-Ulzburg – ATS Buntentor). Unter anderem wurde dadurch auch das Pfingstwochenende ausgespart.

    Es dauerte eine gute Woche, bis ein Offener Brief von Wolf-Rüdiger Marx, Trainer des TSV Reinbek, an Hannelore Ratzeburg adressiert wurde. Marx verweist auf weitere offene Termine für Nachholspiele. Zudem kritisiert er die Praxis der Neuansetzungen: Spiele würden teils mit fünf Tagen Vorlauf, teils drei Wochen oder auch Monate im Voraus neu angesetzt, ohne eine erkennbare Systematik; auf Verlegungswünsche aufgrund der personellen Situation – die in vielen Vereinen eher schlecht aussieht – werde aktiv nicht eingegangen. Gleichzeitig passe zur Zahl der verfügbaren Nachholtermine nicht, dass kürzlich Ansetzungen unter der Woche vorgenommen worden waren. Diese Vorgehensweise brandmarkte Marx mit scharfen Worten als als „sinnlos“ und als eine „Farce“.

    Zudem führte der Reinbeker Coach die Folgen für seine Mannschaft an: Die Absage von vier Freundschaftsspielen, darunter drei gegen Mannschaften aus anderen Landesverbänden, sowie des Saisonabschlusses gemeinsam mit der 2. Frauenmannschaft des HSV. Weitere der Verlegung entgegenstehende Aspekte ließ Marx dabei sogar unberücksichtigt, wie etwa die Urlaubsplanung von Spielerinnen, die sich nach dem Rahmenterminkalender gerichtet haben, sowie die sich daraus ergebenden personellen Folgen.

    Hannelore Ratzeburg, Vorsitzende AFM im HFV

    Hannelore Ratzeburg

    Vier Tage später folgte die Reaktion von Hannelore Ratzeburg. Sie verweist auf die ausgefallenen Spiele im März und über Ostern und darauf, dass die Ansetzungsprobleme nicht allein die Frauenmannschaften betreffen, sondern auch Herren sowie männliche wie weibliche Jugend. Die Saisonverlängerung sei auch eine Reaktion auf massive Beschwerden über zu viele Spiele in wenigen Tagen. Zudem sei nicht überall die Ansetzung von Spielen unter der Woche möglich, da nicht auf allen Plätzen Flutlicht vorhanden sei und bei früheren Ansetzungen nicht immer alle Spielerinnen zur Verfügung stünden. Niemand sei glücklich über die schwierige Situation, schließt die Email.

    Schwierig ist die Situation in jedem Fall. Der vergangene Winter hat tatsächlich eine Lose-Lose-Situation geschaffen. In der Kreisliga Ost, der Liga des TSV Reinbek, standen für das Spieljahr 2013 insgesamt 30 Partien aus. Das ist vergleichsweise wenig, da die Spielklasse ohnehin nur aus neun Mannschaften besteht. Die letzte witterungsbedingte Absage für die Reinbekerinnen war am 7. April, als auf der Anlage des SC Sperber am Stadtpark die Plätze auf der parkseitigen Längsseite noch vereist waren und seitens des Bezirksamtes Nord nicht geräumt werden durften. Eine Woche später wurde das für Samstag geplante Heimspiel gegen den Rahlstedter SC verlegt.

    Doch es gibt eben auch die 12er-Staffeln wie die Landesliga. Dort müssen seit dem nachösterlichen Wochenende insgesamt 45 Partien ausgetragen werden. Am schlimmsten hat es den SC Pinneberg getroffen, der zwar Ende Februar bereits eine Partie nachholen konnte, seit Ostern binnen vier Wochen aber sechs Partien austragen musste und noch weitere drei Spiele bis zum Saisonende vor der Brust hat – ein Pensum, das trotz des doppelten Wochenspieltages 23./25. April nicht mit den zur Verfügung stehenden Terminen bis zum 12. Mai zu bewältigen ist. Es sei denn, man bricht mit der Tradition, keine Ligaspieltage am Pokalfinaltag auszutragen.

    Auch der Einwand des Verbandes bezüglich der Überbeanspruchung der Plätze hat durchaus seine Berechtigung. Gerade die bezirkseigenen Plätze unterliegen Beschränkungen. Ein gutes Beispiel ist hierbei der SC Alstertal-Langenhorn. 54 Mannschaften müssen auf den 7 Sportplätzen im Bezirk Nord seit dem nachösterlichen Wochenende insgesamt 159 Heimspiele austragen, von den 1. Herren bis zu den F-Mädchen. Bisher gespielt sind 82. Nun ist die Wetterlage gerade außerordentlich günstig – die Plätze sind meistens trocken. Bei einer Woche durchgehenden Regens hingegen könnten wieder Platzsperrungen drohen.

    Ebenso sollte man die Beanspruchung der Spielernnen nicht außer Acht lassen. Abgesehen vom Zeitmanagement sind hinsichtlich der körperlichen Beanspruchung Training und Spiel nicht zu vergleichen. Eine Horrorwoche in diesem Sinne erlebte gerade der SC Victoria in der Bezirksliga West: Die Mannschaft absolvierte vier Spiele innerhalb von sieben Tagen, davon immerhin drei Heimspiele. Auch der Niendorfer TSV II. wäre davon betroffen gewesen, sagte zumindest sein viertes Spiel auswärts in Halstenbek-Rellingen ab und verlor somit kampflos 0:3. Mag eine Verteilung von drei Spielen auf sieben Tage noch vertretbar sein, war auch der USC Paloma stark betroffen, musste seine drei Partien binnen fünf Tagen spielen.

    Insofern ist es durchaus vernünftig, unter der Prämisse einer unumgänglichen Saisonverlängerung auf Spiele an Pfingsten zu verzichten und kurz vor dem Endspurt noch einmal die Möglichkeit zur Erholung zu geben – oder dazu, die Feiertage mit der Familie zu verbringen. Auch die Pfingstferien in Hamburg, die heute begonnen haben, spielen eine Rolle dabei, den kompletten für heute Abend geplanten Nachholspieltag auf den 26. Mai zu verlegen.

    Räumungsarbeiten vor dem HSV-Spiel gegen Havelse

    Räumungsarbeiten vor dem HSV-Spiel gegen Havelse

    Der vergangene Winter hat eine Situation geschaffen, die viele Planungen über Bord geworfen hat. Gewinner konnte es von vornherein nicht geben. Die einen meckern über zu viele Spiele in zu wenigen Tagen, die anderen meckern, wenn die Saison verlängert wird. Aber wie kann man mit derart unkalkulierbaren Faktoren wie Wintereinbruch und -länge in Zukunft umgehen? Wie lässt sich eine derartige Komprimierung des Rückrundenspielplans auf sechs Wochen verhindern?

    Eine Möglichkeit braucht Zeit und Geld, ist also weder kurzfristig zu erreichen noch sehr realistisch: Wenn sämtliche Fußballplätze in den Händen der Vereine liegen, entscheiden die Clubs selbst über Maßnahmen zur Räumung verschneiter Plätze und zur Herstellung von Bespielbarkeit. Die Unterhaltung eines Sportplatzes, egal ob Rasen, Grand oder Kunstrasen, ist teuer. Bei Letzterem macht es vor allem die Schneeräumung aus, durch die das aufgestreute Granulat mit Eis und Schnee weggeschoben und neu aufgebracht werden muss. Rasen hingegen muss gepflegt, Löcher gestopft und Gras gegebenenfalls neu ausgesät werden. Und selbst Grandplätze können durchweichen und verschlammen und müssen wieder geglättet werden. Viele Vereine können das nicht leisten, so dass die Resonanz auf das damalige CDU-Senatsprogramm zur Übernahme städtischer Fußballplätze eher überschaubar geblieben ist. Stand März 2009 (Kleine Anfrage der SPD-Bürgerschaftsabgeordneten Martina Köppen) hatten binnen vier Jahren lediglich der SC Nienstedten, Bahrenfelder SV, SC Victoria, HEBC, UH-Adler, KS Polonia, TSV Wandsetal, SC Vier- und Marschlande sowie SV Curslack-Neuengamme Sportanlagen übernommen und dafür Betriebskostenzuschüsse und Aufwandspauschalen erhalten – 90 % der Betriebs- und 50 % der Personalkosten von der Behörde für Bildung und Sport. Im Falle SC Nienstedten und dem einzigen Sportplatz am Quellental (Grand) erhielt der SCN laut Senatsantwort 9.800 Euro Betriebskostenzuschuss und 2.450 Euro Zuschuss für Personalkosten. Der SVCN erhielt für die Sportanlage Gramkowweg (Kunstrasen) knapp 11.700 Euro für Betriebs- und ebenfalls 2.450 Euro für Personalkosten. Andere Vereine stellten ihre Übernahmeabsicht zurück oder brachen Gespräche ab.

    Eine andere Möglichkeit läge darin, die Staffelstärken generell zu verkleinern, auf 8 oder 10 Mannschaften pro Staffel. Dann wären pro Saison und Liga nur noch 14 oder 18 Partien zu absolvieren. Unter Umständen würde dies eine komplette Neuordnung der Hamburger Ligenstruktur bedeuten, unter Umständen auch die Einführung einer Kreisklasse oder einer Oberliga, analog zu den Herren. Ob damit jedoch den Vereinen wirklich gedient wäre, ist fraglich. Vor allem, wenn dann mal ein milder Winter kommt, der volle Spieltage von September bis kurz vor Weihnachten und von Februar bis Mitte Mai erlaubt. Dann würde die spielfreie Zeit für die Vereine ebenfalls recht lang werden, ein Spielrhythmus wäre ebenso schwer zu erreichen.

    Eine weitere Alternative liegt in den Händen der Clubverantwortlichen selbst: Weniger Mannschaften und größere Teamstärken durch vermehrte Bildung von Spielgemeinschaften. Wie realistisch und gewollt das jedoch ist, muss jede Mannschaft für sich selbst entscheiden. Fakt ist allerdings, dass es im Hamburger Frauenfußball keine einzige Spielgemeinschaft gibt.

    Der radikalste Schnitt in dieser Saison wurde glücklicherweise nicht vollzogen: Die Annullierung der Saison. Damit wäre wohl keiner Mannschaft gedient, weder den von Englischen Wochen betroffenen noch denen, die nun eine verlängerte Saison ertragen und gegebenenfalls Termine nach dem planmäßigen Saisonende absagen müssen.

    Das Schlimme ist: Alle Seiten haben irgendwo Recht. Die Ansetzungspraxis mit teils doppelter Englischer Woche ist ebenso fragwürdig wie die Notwendigkeit einer Saisonverlängerung. Aber auch Belastungen für Spielerinnen und Plätze müssen in Grenzen gehalten werden. Für und gegen beides gibt es gute Argumente. Es gibt in dieser Frage keinen Königsweg. Aber der Hamburger Fußball-Verband musste Entscheidungen treffen. Man sollte, in Reinbek und anderswo, nicht übersehen, dass es mit einem derart hartnäckigen Winter keine aktuelleren Erfahrungen gab, aus denen die Ansetzer hätten zehren können. Der letzte vergleichbare Winter war in den 1970er Jahren, als der Frauenfußball in den Kinderschuhen steckte. Beim HFV wird man für die Zukunft sicher lernen, besser mit einer solchen Situation umzugehen. Bis dahin werden alle Vereine damit leben müssen, auch wenn der Verband es ohnehin niemandem recht machen konnte. Die Entscheidungen sind gefallen. Alle weiteren Maßnahmen für die Zukunft müssen Clubs und AFM unter sich klären.

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