• Kampf gegen die Bocklosigkeit

    Autor:  • 12.10.2016 • Editorial

    Fuxi, EditorialUnd schon wieder ein Editorial über ein Thema, das mir als Frauenfußball-Enthusiast jeglicher Couleur mächtig auf den Sack geht: Die Pokalmüdigkeit. In der ersten Runde ist in drei von zehn Spielen jeweils eine Mannschaft nicht angetreten, die vierte Team hatte komplett zurückgezogen. In der zweiten Runde waren es 10 von 32 Spielen. Und wie schon vor zwei Wochen frage ich mich: Haben die alle keinen Bock? Oder leiden die an zu wenig Personal – eine Woche nach Ferienende, eine Woche vor Ferienbeginn und Semesterbeginn an der Uni Hamburg?

    Es ist ziemlich offensichtlich, was für Spiele da in der zweiten Runde, wo alle Freilos-Besitzer aus Runde eins dabei waren, schwerpunktmäßig ausgefallen sind: Bezirksliga gegen Regionalliga, Kreisliga gegen Verbandsliga, Bezirksliga gegen Landesliga, Bezirksliga gegen Verbandsliga, aber eben auch Kreisliga gegen Bezirksliga und sogar Bezirksliga gegen Bezirksliga. Nur Duwo II. ist vor dem Vorwurf der möglichen „Klatschenschisserei“ befreit – als klassenhöhere Mannschaft zieht man gegen einen Kreisligisten wie Rugenbergen nicht den (nicht vorhandenen) Schwanz ein. Die Zweite gehört zum Pokalkader der Regionalliga-Mannschaft, die sich, nunja, „planmäßig“ 3:0 gegen Kreisligist St. Pauli III. durchsetzte. Altona 93 hat es als Verbandsligist 2009 mal anders gemacht, die Erste gegen Eilbek nicht antreten lassen und stattdessen die Zweite aus der Bezirksliga „verstärkt“ – um nicht zu sagen: gebildet -, mit der sie durch Siege gegen Blau-Weiß 96, den SV Lurup, den SC Pinneberg und Regionalligist Bergedorf 85 das Finale erreichten, wo sie dem SV Wilhelmsburg mit 1:4 unterlagen. Damals hat sich der AFC seinen guten Ruf im Hamburger Frauenfußball ziemlich verschissen.

    Tja. „Was tun?“ spricht Zeus. Wenn von 42 Pokalspielen fast ein Drittel ausfällt, weil Mannschaften nicht antreten, ist das mehr als nur ein Ärgernis. Vor allem, da Hamburg im Norden unter den Verbänden mit seinem Modus, dass jeder auf jeden treffen kann, außer in Runde eins, ziemlich allein dasteht – sieht man mal von Bremen ab, aber wer will sich schon als Hamburger mit Bremen vergleichen? Schleswig-Holstein hat eine Art „Vorqualifikation“ – gesetzt sind nur Regionalligisten (also Holstein Kiel), der Rest wird aufgefüllt mit den elf Kreispokalvertretern (in der Regel Kreispokalsieger) und einem Teil von deren Vizepokalsiegern per den Kreisen zugeloster Wildcard (in dieser Saison für die Kreise Nordfriesland, Ostholstein und Schleswig-Flensburg), und teilnahmeberechtigt sind nur die ersten Mannschaften. Daraus bildet sich dann ein Achtelfinale mit 16 Mannschaften, der Landespokal besteht also gerade mal aus vier Runden. In dieser Saison bestand besagtes Achtelfinale aus einem Regionalligisten, sieben SH-Ligisten, sechs Verbandsligisten und zwei Kreisligisten. Der Landesmeister TSV Ratekau zog nur wegen der Wildcard für Ostholstein in den Landespokal ein, nachdem sie das Kreispokalfinale gegen die SG Siems-Dänischburg verloren hatten, während die Wildcard für Nordfriesland nicht vom Vizekreispokalsieger SV Frisia 03 Risum-Lindholm wahrgenommen wurde, sondern von der im Halbfinale gegen Kreispokalsieger SG Lech-Achtrup-Ladelund ausgeschiedenen SG Langenhorn-Enge.

    In Niedersachsen ist der Modus noch etwas anders. Dort nehmen am NFV-Pokal nur die Regionalligisten, die Teams der Oberligen West und Ost und die Bezirkspokalsieger teil – ebenfalls nur mit der ersten Mannschaft, Zweite und Dritte sind nicht zugelassen. Vierte erst recht nicht. Die vier Bezirkspokale werden von je einer Mannschaft pro Verein bestritten, qualifiziert sind die Teilnehmer der Landesligen, Bezirksligen und die 25 Kreispokalsieger (sofern sie nicht nachrangige Mannschaft eines Landes- oder Bezirksligisten sind, dann muss der Vize ran). Wer am Kreispokal teilnehmen darf, erklärt sich damit von selbst – der Rest, einschließlich Zweite und Dritte und Vierte. Das heißt auch: Bis ein Kreispokalsieger am Landespokal teilnehmen kann, vergehen zwei Jahre: Er muss nämlich vorher noch den Bezirkspokal gewinnen.

    Landespokal-Systeme in der Saison 2016/17

    Landespokal-Systeme in der Saison 2016/17

    Vielleicht sollte der Ausschuss für Frauen- und Mädchenfußball des HFV darüber nachdenken (wenn er mit dem Nachdenken über Maßnahmen für die Konsolidierung fertig ist…), ob auch im Pokal vielleicht eine Art „Vorqualifikation“ sinnvoll wäre? Vermutlich ließe sich das auch innerhalb des jährlichen Wettbewerbs regeln, anstelle einer Qualifikation für die Folgesaison. Mein Vorschlag:
    1. Teilnahmeberechtigt ist nur eine Mannschaft pro Verein bzw. Spielgemeinschaft – damit würde das Teilnehmerfeld deutlich schrumpfen.
    2. Dem Oddset-Pokal vorgeschaltet werden vier Regionalwettbewerbe in den Bereichen Nord, West, Ost und Süd mit eigenen Pokaltiteln, an denen die ersten Mannschaften der Bezirks- und Kreisligen teilnehmen.
    3. Je zwei Regionalpokalsieger werden in einer einfachen Vorrunde gegeneinander gelost, um die Teilnehmer an der ersten Runde des Oddset-Pokals festzustellen.
    4. An der ersten Oddset-Pokalrunde nehmen neben den beiden Vorrundengewinnern aus den Regionalpokalen auch die Landes- und Verbandsligisten teil.
    5. Die dreizehn Sieger der ersten Runde nehmen zusammen mit den erst jetzt in den Wettbewerb einsteigenden Regionalligisten am Achtelfinale teil.
    6. Ab dem Achtelfinale findet der Oddset-Pokal nach gewohntem Modus statt.
    7. Freiwerdende Achtelfinalplätze durch Abstieg von Regionalligisten in die Verbandsliga oder Erhöhung des Anteils zweiter Mannschaften in Verbands- und Landesliga werden durch zusätzliche Regionalpokalsieger ausgeglichen. Gegebenenfalls erhalten zwei Regionalpokalsieger Freilose oder entfällt die Vorrunde ganz.
    8. Reichen auch die vier Regionalpokalsieger nicht aus, um Erstrundenplätze aufzufüllen, werden unter den Vize-Regionalpokalsiegern Wildcards gelost, um am Oddset-Pokal teilzunehmen.

    Beispielhaft übertragen auf die laufende Saison würde diese Regelung bedeuten:
    Regionalpokal Nord (3 Runden, 1 Freilos): SV Friedrichsgabe, FC Elmshorn, Moorreger SV, SV Lieth, SV Halstenbek-Rellingen, SV Rugenbergen, TuRa Harksheide
    Regionalpokal West (3 Runden): Union 03, Altona 93, BSV 19, Rissener SV, SV Eidelstedt, SC Sperber, UH-Adler, USC Paloma
    Regionalpokal Ost (3 Runden, 1 Freilos): TSV Reinbek, Rahlstedter SC, SV Billstedt-Horn, SC Eilbek, Ahrensburger TSV, Meiendorfer SV, Hamm United
    Regionalpokal Süd (3 Runden): FTSV Altenwerder, FSV Harburg-Rönneburg, Harburger TB, SC Vier- und Marschlande, 1. FFC Elbinsel, FTSV Lorbeer, SV Altengamme, Veddel United
    Vorrunde zum Oddset-Pokal: entfällt
    Oddset-Pokal, 1. Runde: Union Tornesch, HEBC, Walddörfer SV, TSC Wellingsbüttel, Hamburger SV, ESV Einigkeit, Barmbek-Uhlenhorst, Grün-Weiß Eimsbüttel, SC Wentorf, Niendorfer TSV, TuS Appen, SC Victoria, Eimsbütteler TV, SC Sternschanze, SC Egenbüttel, TuS Berne, Germania Schnelsen, Harburger SC, Komet Blankenese, SC Alstertal-Langenhorn, Groß Flottbeker SpVgg, Regionalpokalsieger Nord (z. B. SV Friedrichsgabe), Regionalpokalsieger West (z. B. Union 03), Regionalpokalsieger Ost (z. B. SC Eilbek), Regionalpokalsieger Süd (z. B. FSV Harburg-Rönneburg), Wildcard-Gewinner Regionalpokalfinalist (z. B. Rahlstedter SC)
    Oddset-Pokal, Achtelfinale: FC St. Pauli, Bergedorf 85, Duwo 08 und 13 Sieger der 1. Runde

    In meinem Beispiel wären das in dieser Saison 54 Spiele gewesen – 26 in den Regionalpokalen, 28 im Oddset-Pokal. Im aktuellen Pokalmodus sollten es ursprünglich 73 sein. Würde man eine normale Pokalrunde mit 54 ersten Mannschaften spielen, wäre es auch nur eine Partie weniger – allerdings könnten immer noch Regional- und Verbandsligisten in der zweiten Runde auf aussichtslose Kreis- und Bezirksligisten treffen, die aus den 22 Erstrundenpartien als Sieger hervorgingen. Und es gäbe noch immer wenig Anreiz zum Antreten zu einer solchen Partie – drei der löblichen Ausnahmen waren in dieser Saison der FTSV Lorbeer, bei denen allein des Trainers wegen klar war, dass sie gegen den FC St. Pauli antreten würden, egal ob ein 1:13 oder doppelt so Schlimmes drohen würde, der Ahrensburger TSV beim 0:19 gegen den HSV und der TuS Appen II. beim 0:14 gegen Walddörfers Erste. (Hamm United – 0:9 gegen Komet II. – hatte ich ja schon vor zwei Wochen lobend erwähnt.)

    Aber genau darum geht es: Anreize schaffen, vor allem für die Kleinen. Denn diese Motivationsansätze fehlen. Jetzt zeige mir aber jemand eine Mannschaft, die nicht gern einen Titel gewinnen würde – und sei es nur der Titel des Regionalpokalsiegers. Schließlich gibt es bei den Herren ja auch den HOLSTEN-Pokal für zweite Mannschaften und die Heino-Gerstenberg-Spiele für die unteren Mannschaften. Falls sich keine Sponsoren für die Regionalpokale finden sollten (ich will ja keinen scharf angucken, aber erste Ansprechpartner sollten natürlich bestehende Verbandssponsoren wie Care Energy, Sparda, Holsten, DERPart, ASS, IKK classic, polytan, Magnus, Signal-Iduna und die Wohnungsbaugenossenschaften sein), schlage ich verdiente Hamburger Fußballerinnen und TrainerInnen als NamensgeberInnen vor. Spontan kommt mir da als Beispiel Beate Wendt vom Hamburger Bundesliga-Gründungsmitglied SC Poppenbüttel in den Sinn…

    Herzlichst,
    Euer Fuxi

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