• Irgendwie

    Autor:  • 29.04.2016 • Editorial, Hamburger SV

    Fuxi, EditorialIch habe lange nichts mehr geschrieben. Ganz allgemein, aus familiären Gründen, aber auch und ganz im Speziellen habe ich lange nichts mehr zum HSV geschrieben. Aus Gründen, wie man so schön sagt. Aber darum soll es gar nicht primär gehen, mehr grundsätzlich um den HSV selbst – natürlich um den HSV Frauen- und Mädchenfußball. Seit ich die HFFN aufgemacht habe, verfolge ich den Mädchenfußball eher punktuell. Insofern war ich allein überrascht, das bei den B-Mädchen in der HSV-Staffel auch der TSV Sasel und – jetzt denken wir uns mal gaaaaaaanz weit zurück – der SSV Rantzau zu finden ist. Ich weiß schon gar nicht mehr, wann ich mal in Barmstedt gewesen bin. Einmal, ja. Aber wann…? Vermutlich war es ein Pokalspiel gegen den HSV. Das ist schon so lange her, es muss um 2000 gewesen sein (als eine Ina Butzlaff, heute Schiri-Frauenbeauftragte, noch beim Wedeler TSV im Kasten stand).

    Wir hatten gerade den 20. Spieltag in der Regionalliga, und der HSV hat mal wieder verloren. Dieses Mal wollte Duwo nicht beim Klassenerhalt helfen, namentlich war es wohl Melanie Nilsson, die beide Tore erzielte. Eine Ex-Rothose übrigens. Obwohl: Guckt man sich die letzten gut 10 Jahre an, erübrigt sich dieser Zusatz fast, bei den vielen noch aktiven Spielerinnen, die eine Vergangenheit bei den Rauten haben. Für mich liegt hier aber auch der Hase im Pfeffer. Viele waren schon beim HSV. Viele kennen den HSV. Und es scheint, als würden sich ebenso viele nicht darum reißen, wieder beim HSV zu spielen, auch wenn dort die Personalnot noch so groß ist. Und die wiederum hat viel damit zu tun, wie der HSV so ist.

    Spricht man mit Leuten, die beim HSV waren, hört man von den redseligeren Menschen immer wieder die gleichen Muster. Als alter HSVer müsste ich eigentlich mit den Schultern zucken. Es war zu allen Zeiten der Kopf, der stank, wenn es stank. Obschon man da zwei Dinge unterscheiden muss. Zum einen war ganz früher die Perspektive eine andere: Man blickte nach oben, es gab Ziele zu verwirklichen, und da wollte jeder, dass sein Anteil am Erfolg doch entsprechend gewürdigt sein sollte. Am besten als Hauptanteil. Es ging um die Meisterschaft in der Regionalliga, den Aufstieg in die Bundesliga, den Klassenerhalt unter den 12 Top-Teams in Deutschland, um Pokalschlachten gegen Turbine Potsdam… Auch da schon spielte sich gern der eine oder andere in den Vordergrund, versuchte nicht selten hinten herum Unterstützer für seine Sache und damit Einfluss zu gewinnen. Aber letztlich stand und fiel es mit dem Erfolg, und solange die Spielerinnen davon weitgehend unbehelligt ihrer Leidenschaft nachgehen konnten, bestand wenig Sorge um den Erfolg, auch wenn die eine oder andere mitunter auf dem Abstellgleis landete oder grummelnd von dannen zog. Das hatte natürlich auch damit zu tun, dass es nix anderes gab. „Wir hatten ja nix, damals“ – das klingt wie von einem Opa über den Krieg gesprochen. Es kommt mir auch ein bisschen so vor. Aber es stimmt: In Hamburg gab es kaum was anderes als den HSV. Das galt nicht nur für Hamburg, sondern für die gesamte Region. So kam auch eine Sarah Günther vom ATS Buntentor aus Bremen zum HSV, damals, 2003. Zudem war der Club für andere interessant, wie etwa für Brauweilers Birte Knop, Rheines Claudia von Lanken, Siegens Thekla Krause. Jedes talentierte, ambitionierte Mädel aus der Region, das in die Bundesliga wollte, musste irgendwann zum HSV wechseln – was bei deren Vereinen zu lauter Motzen führte, dass der HSV ihnen die ganzen Talente wegnehmen würde und sie nie weiter nach oben kommen würden.

    Doch nicht nur das ist heute anders – im Gegenteil, jetzt hört man eher vom HSV das Wehklagen, dass sie es seit dem von oben verordneten Bundesliga-Rückzug schwer haben, überhaupt einen regionalligatauglichen Kader zusammen zu bekommen. Sieht man sich an, welche „Kindergartentruppe“ da Woche für Woche alles aus sich heraus holt, um über den Strich zu kommen, unterhalb dessen in der Folgesaison sämtliche Auswärtsfahrten mit U- und S-Bahn erreicht werden können, ist das auch nicht von der Hand zu weisen. Und das ist das andere: Die Perspektive selbst. Was war der HSV einst für ein Dickschiff im norddeutschen Frauenfußball! Die erste Mannschaft, im WM-Jahr, auf Platz vier. Erst kam Potsdam, dann kam Frankfurt, dann kam Duisburg – und dann der HSV. Dahinter: Die Bayern, Wolfsburg, Leverkusen. In der zweiten Liga wurde HSV II. Staffelmeister, vor Lok Leipzig und Potsdam II. Und vor Werder Bremen. Und dem BV Cloppenburg. Auch noch vor dem 1. FC Köln und Hoffenheim, die in der Südstaffel der zweiten Bundesliga wesentlich weniger Punkte holten – nur der SC Freiburg war besser. HSV III. spielte als einzige Dritte bundesweit in der Regionalliga lange in der Spitze mit und wurde dann Vierter. Vor Bergedorf 85. Nur die Vierte, als Fünfte der Bezirksliga, fiel etwas ab, was aber verschmerzlich war. Noch dazu gab es in dieser Hochphase von der B- bis zur D-Jugend jeweils zwei Mannschaften und dazu eine sehr erfolgreiche E-Mannschaft, von denen zwei Mädchen – Maya Steen und Emma Burdorf-Sick – heute zum Regionalliga-Kader gehören und eine weitere – Anna-Lena Wulff – in der Landesliga spielt.

    Und heute? Die Bayern haben den Meistertitel so gut wie sicher, den zweiten in Folge. Vor dem VfL Wolfsburg. Und hinter Frankfurt kommt dann der SC Sand. Köln ist schon abgestiegen, Werder praktisch auch schon nach einem 1:4 in Leverkusen – schlecht für Ex-Rothose Marie-Louise Eta, gut für die bis dahin abstiegsbedrohten anderen Ex-Rothosen Jessica Wich, Carolin Simon (die zu Lena Petermann nach Freiburg wechseln wird) und Marisa Ewers, bei deren quergestreiftem, rot-schwarzen Trikot für den Geschmack Altonaer Fans wahrscheinlich die weißen Streifen fehlen. Wolfsburg ist die Nummer 1 im Norden, und in der Metropolregion Hamburg ist es der SV Henstedt-Ulzburg, der nächste Woche im Derby gegen Holstein Kiel aus eigener Kraft die Klasse halten kann. Nicht umsonst schließt sich Ex-Rothosen-Kapitänin Cathérine Knobloch, die mehr als 10 Jahre die Raute auf der Brust trug und noch in Niendorf kickt, für kommende Serie dem SVHU an. Die Nummer 1 der Stadt ist der Bramfelder SV, der an diesem Wochenende den Meistertitel und den Aufstieg in die 2. Bundesliga perfekt gemacht hat, gefolgt von Skandalnudel Bergedorf 85 (allerdings strahlt da das schlechte Karma der Männer ab) und Duwo 08, dessen Klassenerhalt für viele vor der Saison eine Überraschung gewesen wäre. Eine Aufzählung aller Spielerinnen, die allein in diesen drei Clubs mal in überregionalen HSV-Kadern standen, erspare ich mir. Es sind 18. Ein ganzer Ligaspielkader (und nicht der schlechteste).

    Beim HSV geht der Blick nach unten. Hätte nicht Bergedorf 85 in letzter Minute noch den Siegtreffer gegen Burg Gretesch erzielt, wäre der Rückstand aufs rettende Ufer auf drei Punkte angewachsen. Fünf Punkte können es am Samstag werden, wenn Burg Gretesch gegen Havelse nachholt. Dann wäre alles schon vorbei – die letzten Gegner sind Buntentor auswärts und Vizemeister Werder II. zuhause. Spiele, aus denen die Rothosen keine 6 Punkte holen. Burg Gretesch hat ebenfalls noch Werder II. vor der Brust und danach das abschließende Heimspiel gegen Duwo. Buntentor ist für den HSV die allerletzte Chance, verbunden mit der Hoffnung, dass Duwo sich charakterstark zeigt – theoretisch könnte ein Abstieg des HSV wiederum dafür sorgen, dass weniger Mädchen eine Perspektive in Norderstedt sehen und sich dann vielleicht dem Ohlstedter Nachwuchs anschließen, dessen Bestand in Sachen Regionalliga-Zugehörigkeit die Hauptsorge ist: Keine Mädchen = keine Regionalligazulassung.

    So egoistisch und unsportlich wird man an der Sthamerstraße nicht denken. Aber diese Situation, dass so ein Gedanke überhaupt aufkommen kann, hat der HSV in seiner Gesamtheit selbst geschaffen. Die beiden Rückzieher aus den Bundesligen 2011 und 2012 spielen dabei nur eine Rolle von vielen. Seither sind beim Verein so viele von der Fahne gegangen, auch exodusartig, dass diese Probleme nur hausgemacht sein können. Nicht wenige Ehemalige können das auch benennen. Und viele wollen es auch benennen. Die aktuelle Situation ist eine Melange aus allem: Ränkespiele, fehlende Perspektive, Führungsschwäche, mangelnder Rückhalt des Vereins für den Frauenfußball. Verletzungspech ist keine Ausrede, das hat es auch früher schon gegeben, ohne dass die Situation derart kritisch werden konnte. Dem Kader fehlt in der Breite die Qualität für die Drittklassigkeit, aber dieser Kader ist schon das Maximum, das unter den gegebenen Möglichkeiten erreicht werden konnte. Ausbaden – und das sind die einzigen, die einem dabei leid tun können – müssen es junge Mädchen, die einfach nur Fußball spielen und ihr Bestes geben wollen. Für den HSV.

    Zwei Spiele noch, dann droht die allergrößte Demütigung für alle, die die Raute im Herzen tragen. Nicht nur, dass der HSV erstmals seit 1990 nur noch innerhalb Hamburgs Frauenfußball spielen würde. In der Region musste der HSV anderen hinterher streben: SC Poppenbüttel, Barmbek-Uhlenhorst, FTSV Lorbeer und auch dem Segeberger Club Schmalfelder SV waren die ersten in der Oberliga Nord damals. Allein die Namen verraten, welch Tradition beim HSV am 15. Mai wahrscheinlich zuende gehen wird. Und die ultimative Demütigung, nachdem man schon dem einstigen Champions-League-Sieger VfL Wolfsburg, Doppelmeister Bayern München, den erst 2007 gegründeten Frauen bei Werder Bremen, dem SV Henstedt-Ulzburg, dem am Friedhof spielenden Bramfelder SV, Bergedorf 85 und Duwo 08 in Sachen Frauenfußball den Vortritt lassen muss, könnte sich mit dem Aufstieg des FC St. Pauli bewahrheiten, der drei Spiele vor Schluss fünf Punkte Vorsprung hat und in der Aufstiegsrunde womöglich wie schon Duwo keinen Gegner oder zumindest einen leichteren aus Schleswig-Holstein fürchten müsste, während der Gegner aus Bremen entweder die No-Names vom TV Eiche Horn oder der TuS Schwachhausen mit Trainer Benjamin Eta (einst Spieler beim SC Victoria, SV Halstenbek-Rellingen und Blau-Weiß 96 Schenefeld) wird. Das muss wohl ungefähr der letzte Albtraum eines HSV-Frauenfußball-Fans sein, der erleben durfte, wie Aferdita Kameraj eine Birgit Prinz zu Gelb-Rot nervte, Tanja Vreden in der 110. Minute mit ihrem Tor den großen Favoriten FCR Duisburg aus der 1. Pokalrunde warf, Kathrin Patzke mit ihrem dritten Tor für die 7:2-Demontage der Wolfsburger Nationalspielerinnen Claudia Müller und Stefanie Gottschlich sorgte und Denise Lehmann mit ihrem Tor zum 1:1 im Abstiegsendspiel gegen Saarbrücken den an 2 Toren Differenz hängenden Klassenerhalt sicherte: Die Rothosen spielen gegen Wentorf, Einigkeit und Walddörfer, und die Braun-Weißen spielen gegen Bergedorf, Holstein Kiel und Jahn Delmenhorst. Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass Werder Bremen, FSV Gütersloh und Herforder SV künftig in Steilshoop am Gropiusring aufspielen anstatt an der Hagenbeckstraße…

    Wer weiß, vielleicht ist das auch besser so? Seit nunmehr 5 Jahren zeigt der Frauenfußball beim HSV akute Merkmale des Niedergangs. Teils von oben ausgelöst, teils aus sich selbst heraus. Niemand findet sich, der sich dem Trend entgegen stemmt, von den Spielerinnen abgesehen. Vielleicht ist es Zeit für den HSV, sich vollständig vom Frauen- und Mädchenfußball zu verabschieden. Nicht wegen der Schmach des Unbedeutendseins. Es scheint nur einfach keinen Sinn mehr zu ergeben. Warum sollte man beim HSV spielen wollen? Dass die Profis sich zufälligerweise nicht die Peinlichkeit einer dritten Relegationsteilnahme hintereinander geben, kann man zwar als großen Erfolg werten, aber insgesamt ist die Vereinsdarstellung katastrophal, und wer die Raute trägt, macht sich bei vielen Menschen eher lächerlich als respektabel. Der Frauenfußball war mal der leuchtende Stern in der Dunkelheit. Man konnte sagen: Die Profis sind mir scheißegal, ich geh zu den Frauen, die sind noch mit Herzblut dabei, darum trage ich die Raute ihnen zu Ehren. Aber mittlerweile hat auch dieser letzte Strohhalm abgewirtschaftet. Wer trotzdem noch zu den Profis ins Stadion gehen will, kann das ja ohne Mitgliedschaft machen, oder auch als förderndes Mitglied. Für welchen Verein die Spielerinnen auflaufen, spielt letztlich keine Rolle. Der HSV hat sich in den letzten Jahren irgendwie entbehrlich gemacht. Ob er in der Regionalliga bleibt oder in der Verbandsliga spielt, ist außer für die Teams, die je nachdem die Klasse halten, absteigen, aufsteigen oder auch nicht, irgendwie irrelevant. Irgendwie egal. Irgendwie …

    Herzlichst,
    Euer Fuxi

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